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Die Autobiografie ist da!

Wer redet, hat sein Leben verwirkt

Veröffentlicht in "Stern", Nummer 14, am 2. April 1960

„Herr Ausländer, he, Herr Ausländer!“ Der geflüsterte Ruf muß mir gelten, denn wer könnte in dieser düsteren Straße, um diese Zeit noch so angesprochen werden. Ich drehe mich um. „Hier, Herr Ausländer, hier.“ Aus einem düsteren Hauseingang ragt ein Arm heraus, daran hängt eine Hand, die ganz eindeutig, fast befehlend „komm her“ macht.
Ich habe zunächst einmal Angst. In Palermo verschwindet man leicht, und noch leichter verschwinden Geld, Kameras, Schuhe und Hemd. Entweder stehen hinter diesem Arm zwei oder drei Kerle, die mich auf Reichweite heranrufen, um mich zu packen und auszurauben, oder es hängt ein Mann daran, der mir ein Mädchen verkaufen will.
Nach einigem Zögern siegt die journalistische Neugier über die Angst. Ich bleibe jedoch in respektvoller Entfernung, denn diese Hand bewegt sich immer noch in der typischen Art der Mittelmeervölker, die, wenn sie jemanden heranwinken, nicht wie wir den Arm fast zärtlich umarmend nach oben führen, sondern die ausgestreckten Finger von oben nach unten bewegen, als wollten sie zuschnappen und herrisch Besitz ergreifen. “Sono latitante“ – ich bin auf der Flucht“, flüstert die Stimme, deren Besitzer ich immer noch nicht erkenne. „Ich brauche Geld für eine Hose und den Bus nach Montelepre. Bitte helfen Sie mir, Herr Ausländer.“
Die Stimme klingt so kläglich, daß ich sofort in den Hauseingang trete und mir den Mann ansehe. Unter einem zerrissenen Regenmantel schauen tatsächlich zwei nackte Beine hervor, mit roten Socken, an denen die schwarzen, auf Hochglanz geputzten und überaus spitzen Halbschuhe grotesk wirken. Über einem unrasierten Gesicht und Augen, denen der Schlaf seit Tagen zu fehlen scheint, steht eine Schirmmütze.
„Sind Sie Chauffeur“, frage ich.
„Nein, mein Herr, ich bin Taschendieb.“
„Und das sagen Sie mir so ins Gesicht?“
„Ich kenne die Ausländer“, sagt er stolz. „Wenn ich Ihnen die Wahrheit sage, helfen Sie mir vielleicht eher, als wenn ich Sie anlüge.“
Irgendwie hat er recht, besonders in meinem Fall, denn ich werde mir natürlich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen der hunderttausend Diebe und Verbrecher Palermos anzuhören, der durch die Umstände gezwungen scheint, sich mir anzuvertrauen. Ich schlage ihm deshalb vor, hier zu warten, bis ich mit dem Auto vorfahre.
„Aber nicht mit der Polizei,“ sagt er, und unwillkürlich fährt seine Hand in die Manteltasche, wo wahrscheinlich das Messer steckt, das hier jeder seiner Art bei sich trägt. „Sie wissen …“, beginnt er,unterbricht sich dann aber, um mich nur still anzusehen.

Ich weiß. Es gibt ein ungeschriebenes, dabei aber eisernes Gesetz, welches das ganze Leben eines Sizilianers bestimmt: die Omertà, ein unübersetzbarer Begriff, der annähernd „Solidarität durch Schweigen“ bedeutet. Für einen Sizilianer gibt es im Grunde kein schlimmeres Verbrechen, als über die Taten oder Untaten eines anderen zu „sprechen“, das heißt, so zu sprechen, daß Polizei und Obrigkeit es erfahren. Für jemanden der spricht, gibt es kein Pardon.
Ein Mord ist verzeihbar, weil er seinen Grund hat; die Blutrache ist es, weil Ehre und Blut es fordern; der Diebstahl, weil die Not dazu zwingt; ein Bruch des Schweigens darf jedoch nie verziehen werden, weil es keine Grund dafür geben kann: Denn es ist für den Sizilianer das einzig wirkliche, das absolute Verbrechen.
Auch wir würden es uns zweimal überlegen, bevor wir einen Freund anzeigen, jedoch die Polizei sofort rufen, wenn wir die Zeugen eines Diebstahls würden oder sähen, daß ein Mensch ermordet wird. Ein richtiger Sizilianer würde stumm vorübergehen und nicht einmal seiner Frau davon erzählen. Keiner würde je erfahren, was er gesehen oder gehört hat. Das ist Omertà.
Sie bezieht sich nicht nur auf wichtige Dinge, denn im Laufe der Zeit ist sie zu einer Art Geisteskrankheit geworden, einem bedingten Reflex, der durch jede, selbst die unbedeutendste Frage automatisch ausgelöst werden kann.
Einige Tage vor meiner Begegnung mit dem Taschendieb erlebten wir einen typischen Fall dieser Art. Wir fuhren nach Corleone, einem der Hauptstützpunkte der Mafia, und ein Bekannter hatte uns gebeten, dort seinem Neffen “guten Tag“ zu sagen. In den Dörfern und kleinen Städten Siziliens braucht man dazu keine Adresse, es genügt auf den Platz zu gehen, um zu fragen. Meistens ist der Gesuchte selber dort. Wir fragten also nach Giuseppe Motta.
„Kenne ich nicht“, sagte der erste. „Nie gehört“, antwortete der zweite. „Keine Ahnung“, der dritte. Nachdem wir zwanzig ähnliche Antworten erhalten hatten, und auch keiner der achtzig oder hundert Männer, die alle mittlerweile wußten, was wir wollten, Anstalten machte, uns zu helfen, gingen wir enttäuscht in die Wirtschaft, die zu jedem Platz gehört, und bestellten einen Kaffee. Einer der Befragten, ich glaube der zweite, stand plötzlich wie zufällig neben mir und fragte so ganz nebenbei, was wir denn von Giuseppe Motta wollten.
„Uns schickt sein Onkel aus Palermo.“
„Ach so“, sagte er ohne jede Verlegenheit. „Giuseppe Motta, das bin ich.“

Am stärksten spielt die Omertà, wenn man selber der Betroffene eines Verbrechens ist, und ganz besonders, wenn Blut fließt. Man wird nie sagen, wer der Täter ist, selbst wenn man dabei stirbt, und keine Verwandter des Toten wird die Namen der Schuldigen preisgeben, auch wenn sie alle dabeigewesen sind; nicht einmal seine Mutter. Denn es ist nicht die Sache der Polizei, sondern ausschließlich der Familie, Blut mit Blut zu sühnen. Für einen Sizilianer hat der Mörder nämlich kein Verbrechen gegen die Gesellschaft begangen, sondern nur gegen die betroffene Familie. Würde es jemand wagen, die Mörder zu überführen, dann hätte er zu dem Verlust eines Menschen noch den Verlust der Ehre gefügt und dadurch eine schwereres Verbrechen begangen als der Mörder. Er hätte gezeigt, daß er Vater und Brüder des Toten für unfähig hält, die Ehre ihrer Familie zu schützen und zu rächen. Diese müßten dann warten, bis der Überführte seine Strafe abgesessen hat, um ihn beim Verlassen des Zuchthauses niederzuschießen oder, falls sie zu alt werden, die jüngeren Geschwister täglich ermahnen: den müßt ihr töten.
Ein Beispiel für Omertà, welches in diese Richtung geht, erlebte ich vor einigen Jahren, als ich mit dem Wagen durch Sizilien fuhr. Auf einem Feldweg fand ich einen jungen Schäfer, der aus tiefen Wunden an Kopf und Hals blutete. Ich riß die Tür auf und rief ihm zu, schnell einzusteigen, aber er schüttelte nur stumm den Kopf. „Sie müssen sofort zum Arzt, das sind gefährliche Messerstiche“, schrie ich außer mir. Er antwortete immer noch nicht. Als ich ausstieg, auf ihn einredete und ihn angesichts seines Schweigens kurzerhand zum Wagen zog, schlug er mir mit seinem Hirtenstab über den Arm und rannte davon. Auch unter seinem zerrissenen Hemd klafften Wunden.
Im nächsten Dorf hielt ich auf dem Platz und fragte nach der Polizei, um sie zu bitten, den Jungen vor dem Verbluten zu retten. Die Männer blickten nur stumm auf die Blutspitzer an meinem Wagen, und keiner gab mir die gewünschte Antwort.
Ich mußte wieder vor den Ort fahren, weil ich vergessen hatte, auf das große Schild zu schauen, auf dem die Adresse der Carabinieri angeschrieben stand. Endlich begriff ich, warum vor allen Orten Siziliens nicht etwa die Einwohnerzahl oder die Sehenswürdigkeiten aufgeführt sind, sondern wie eine Mahnung an den Reisenden die Anschrift der Polizei steht. Ich habe oft gefragt, warum die schönsten Straßenschilder Siziliens den Carabinieris gewidmet sind, jedoch nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Ich glaube, es ist eine Maßnahme gegen die Omertà.
Diese Omertà, dieses für uns sinnwidrige Taubstummdummtun ist der Grundzug der sizilianischen Lebenshaltung. Sie ist die oft blutige Spielregel einer Gesellschaft, für die der Verstoß gegen das offizielle Gesetz nicht etwa ein Vergehen ist, sondern ganz im Gegenteil zum einzigen Ausdruck der inneren Unabhängigkeit wurde, zum Beweis der Ehre, Männlichkeit und Würde. Sie ist auch das oberste Gesetz der Mafia , das Gesetz, das es ihr erlaubt hat, die größte Verbrecherorganisation der Welt zu werden.
Man muß die Omertà kennen, wenn man Sizilien auch nur annähernd verstehen will. Sie ist der Schlüssel, den ich dem Leser an die Hand geben mußte, bevor ich ihm zumuten kann, weiterhin diese Geschichten zu lesen, die, auf unsere Werte bezogen, phantastisch und unwirklich klingen würden.

So ist es auch mit meinem flüchtigen Taschendieb. Wenn ich mit der Polizei zurückkäme, würde er wahrscheinlich stolz auf mich zugehen und mir sein Messer in den Leib rennen. Er, der zitternd in der Tür steht, weil er vielleicht einige Wochen Gefängnis abzusitzen hat, und ohne Hose nicht fliehen kann, würde ohne Zögern zwanzig Jahre Zuchthaus auf sich nehmen. Denn wenn ich gegen die Omertà verstoße, wenn ich ihn dem offiziellen Gesetz ausliefere und mich unter dessen Schutz stelle, begebe ich mich in das Reich seiner Gesetze. Dann ist er nicht mehr Dieb oder Mörder, sondern der Vollstrecker eines Urteils, und hierfür, für „Verbrechen an der Ehre“, ginge er stolz ins Zuchthaus.
Ich weiß dies. Ich weiß aber auch, daß, wenn ich, ein Ausländer, seine Gesetze respektiere, er mein Beschützer werden muß. Das gehört auch zu den strengen Spielregeln seiner Welt. Und da ich Ausländer bin, wird er mit mehr vertrauen als einem seiner Freunde; es ist nämlich ganz ausgeschlossen, daß unsere Interessen sich irgendwie überschneiden. Im übrigen habe ich selten Menschen getroffen, die so frei und offen über sich und ihr Leben reden wie die Sizilianer. Das scheint zunächst im Widerspruch zur Omertà zu stehen, ist es aber keinesfalls. Im Gegenteil: Gerade weil die Omertà ein derartiger Zwang ist, fühlt der Sizilianer den unwiderstehlichen Drang, dann zu sprechen, wenn er sich sicher fühlt.
Und wenn ich noch einen letzten Grund brauche, um mich zu überzeugen, den Mann nicht anzuzeigen, dann brauchte ich mir nur zu sagen, daß achtzig Prozent aller Sizilianer im Gefängnis sitzen müßten, wenn man nach unseren Maßstäben rechten wollte, und der Baron aus Trapani, mit dem ich heute zu Mittag gegessen habe, und sein Freund, der Abgeordnete, tausendmal mehr auf dem Gewissen haben – und nicht aus Not – als dieser kleine Taschendieb.
Ich halte also voller Spannung vor dem Hausflur und atme erleichtert auf, als ich ihn gelassen in der Tür stehen sehe. Er hat also Vertrauen, sonst hätte er sich nämlich irgendwo versteckt gehalten, um zunächst einmal zu sehen, ob ich auch allein vorfahre.
Sobald er neben mir im Auto sitzt, dreht er das Fenster herunter, nicht etwa um nach möglichen Verfolgern Ausschau zu halten, sondern um seinen Arm bequem auflegen zu können, und es sich gemütlich zu machen. Er lehnt sich zurück, kreuzt die nackten Beine und bittet mich um eine Zigarette.
„Meine Zigaretten sind in der Hose“, sagt er lächelnd, dies ist die erste seit vierundzwanzig Stunden. Danke.“
Dieses „Danke“ gilt eindeutig nur der Zigarette. Über das Auto und meine Bereitschaft zur Hilfe wird weder jetzt noch später je gesprochen. Nachdem wir einige Minuten durch die nächtlichen Straßen gefahren sind und das Schweigen nur durch kurze Zurufe unterbrochen wird, mit denen er mir die Richtung andeutet, beginnt er zu erzählen:
Gestern nacht war die Polizei auf die ausgefallene Idee gekommen, eine der vielen Armenstadtteile Palermos zu umstellen, um systematisch nach all denen zu fahnden, die wegen irgendwelcher Vergehen zu Geldstrafen verurteilt waren, aber noch nicht bezahlt hatten.
Er, Carmelo, war vor sieben Monaten geschnappt worden, als er einem amerikanischen Seemann die Gesäßtasche mit einer Rasierklinge aufschnitt und die herausfallende Brieftasche etwas ungeschickt auffing. Eine vorbeigehende Frau hatte ihn im entscheidenden Augenblick gestoßen, fügt er erklärend hinzu. Er war natürlich verurteilt worden und zwar zu einer Geldstrafe von vierzigtausend Lire (268 DM), die, falls er sie schuldig blieb, mit hundert Tagen Gefängnis bezahlt werden mußte (vierhundert Lire pro Tag). Er hatte selbstverständlich nicht bezahlt, und gestern wollte die Polizei nun endlich kassieren, entweder das Geld oder ihn. All die Polizisten waren natürlich nicht nur seinetwegen in der Nacht losgeschickt worden. In seinem Stadtteil hatte viele andere ähnliche Schulden an den Staat.
Diesmal hatte die Polizei mehr Glück als sonst, weil ausnahmsweise mal keiner von der Razzia unterrichtet worden war. Sie fand zweiundzwanzig schlafende Schuldner. Seine Freunde Salvatore Mazzaro und Francesco Lo Presti sowie fünfzehn andere zahlten an Ort und Stelle und konnten ruhig weiterschlafen. Sie hatten Geld. Nur Vito Camaretta, der 10 400 Lire (70) DM) wegen Schmuggels bezahlen mußte, wurde für sechsundzwanzig Tage mitgenommen und Giuseppe Camella, der dem Staat noch 145 000 Lire wegen Diebstahls schuldete, mußte der Polizei für ein ganzes Jahr folgen. Viele konnten davonlaufen. die anderen, die verhaftet wurden, waren kleine Fische. Es ist eben Pech, wenn man ohne Geld in der Tasche geschnappt wird.
Das leuchtet mir ein. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, wo man in diesen Elendswohnungen Beträge von 40 000 Lire im Handumdrehen aus der Tasche ziehen kann.
Carmelo nimmt meine Unterbrechung geduldig hin und erklärt: “Wir sind arm und froh, wenn wir genügend Geld für die Zigaretten haben, an die wir uns schon als Kinder gewöhnen, wenn wir Stummel sammeln. Aber das schließt nicht aus, daß wir hin und wieder größere Beträge in der Tasche haben, natürlich nur wir Diebe und Schmuggler“, sagt er arrogant. „Wenn wir einen großen Fisch an Land ziehen, können wir uns plötzlich an der Spitze von 50 000 Lire (335 DM) befinden, die uns über die mageren Wochen und Monate hinweghelfen. Die Älteren sind gescheiter als wir. Sie haben Erfahrung. Sie haben oft genug gesessen, um zu wissen, daß sie etwas Geld auf die Seite legen müssen, weil es zu ihrem Beruf gehört, sich hin und wieder freizukaufen.
Carmelo lacht aus vollem Halse, als er mein ungläubiges Gesicht sieht und merkt, daß ich in Gedanken versunken angehalten habe und automatisch die Handbremse ziehe.
„Wovon leben Sie“, fragt er.
„Ich schreibe und fotografiere.“
„Na sehen Sie, Sie haben auch einen Beruf“, ruft er begeistert, als habe er das Ei des Kolumbus entdeckte und mir die logischste Beweisführung seines Lebens serviert.
„Ich sehe gar nichts“, muß ich gestehen.
Mitleidig schaut er mich an: “Sie sind auch kein Herr, denn Sie müssen arbeiten, um Ihr Geld zu verdienen. Genau wie wir. „Und wenn Sie einmal ein schlechtes Bild machen oder Ihre Schreibmaschine kaputtgeht, dann werden Sie auch nicht gleich Ihren Beruf an den Nagel hängen und verhungern. Genau wie wir. Keiner wird seinen Beruf aufgeben, weil er mal Pech gehabt hat. Wie sollte er sonst essen?“
Aus den Erklärungen Carmelos klingt der Stolz, einen richtigen Beruf zu haben und nicht verurteilt zu sein, an Straßenecken gestohlenen Kleinkram zu verkaufen, Lumpen und Alteisen zu sammeln, ein bis zwei Schuhe im Monat zu flicken oder verzweifelt den kleinen Verdienstmöglichkeiten nachzugehen, wie dem Verkaufen von Nadeln, Krawatten oder Kragenstäbchen, was kein verstecktes Betteln zu sein scheint, sondern bereits einen ersten Schritt auf der sozialen Stufenleiter bedeutet.
Carmelo spricht mit einer gewissen Rührung von diesen „kleinen Gewerben“, wie er sie nennt. Sein Vater ist Lumpensammler. Jahraus, jahrein müssen seine Mutter und seine Schwestern die schmutzigen Lumpen waschen, weil die Grossisten nur für saubere Lumpen zahlen.
„Die armen Leute, die ‚kleinen Gewerbe’ sind am schlimmsten dran“, sagt er nachdenklich.“ Auch bei den Razzien der Polizei schneiden sie immer am schlechtesten ab. Wir, die Berufsdiebe, wir retten uns meistens. Wir haben genügend Geld in der Tasche, oder wir sind rechtzeitig benachrichtigt worden. Der Mann der kleinen Gewerbe wandert ins Kittchen, weil er hin und wieder stiehlt und wegen mangelnder Praxis – ohne den Schutz, der hinter uns steht – leichter geschnappt wird als wir. Auch weil er mit seiner Arbeit und den winzigen Gelegenheitsdiebstählen nie das Geld zusammenbringt, die Strafe zu zahlen. Man muß sich eben spezialisieren, um wenigstens mit dem Kopf über dem Dreck zu schwimmen.“
Und jetzt fällt mir die dümmste Frage ein, die man in solch einer Situation stellen kann: „Haben Sie denn nie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie jemandem etwas wegnehmen?“
Er richtet sich auf. Die etwas nonchalante Haltung ist vollkommen gewichen. Seine Augen starren auf die Kathedrale von Palermo, vor der ich gerade gehalten hatte und hinter deren Mauern die Elendsviertel beginnen.
„Hat Gott ein schlechtes Gewissen, wenn er zuläßt, daß wir verhungern? Haben es die Reichen in Palermo und Rom? Verhungern lassen ist schlimmer als stehlen, ja, morden ist schlimmer als stehlen.“ Er wiederholt es immer wieder „Rubare è vivere – stehlen ist leben, stehlen ist leben …“
Ich habe selten soviel arrogante Traurigkeit im Gesicht eines Menschen gesehen, soviel tote Hoffnung.
Um das Thema zu wechseln frage ich ihn, wie er ohne Hose in den Hausflur gekommen ist, und er erzählt diesmal ohne Pathos, daß er eigentlich meistens angezogen schlafe, da es unziemlich sei, sich als erwachsener Mann vor Frauen auszuziehen. Aus einem Grunde, den er nicht angibt, hatte er diese Nacht die Hose ausgezogen. Als die Polizei an die Tür klopfte, hatte er gerade noch Zeit gehabt, Mantel und Schuhe zu ergreifen und durch die Dachluke zu verschwinden. In der Hose war sein Geld. Er schien besorgt darum, denn er wohnte zwar bei seinen Eltern, aber es lebten auch entfernte Verwandt in deren Zimmer.
Gestern war gerade sein Geburtstag gewesen. Der fünfundzwanzigste. Mit sechs Jahren hatte er angefangen zu arbeiten. Zunächst als Handlanger auf dem Gemüsemarkt, dann als Laufjunge in einer Wirtschaft. dort hatte ihn eine eleganter Herr angesprochen und sich von ihm zu seinem Vater führen lassen. Der Vater war glücklich, als der Herr ihm anbot, Carmelo auf die Taschendiebschule zu schicken. Es war eine Auszeichnung, auf die der ganze Stadtteil neidisch war, denn Taschendiebe werden meistens im Viertel Kalsa ausgewählt.

Prostitution muß die Witwenrente ersetzen

Als er vierzehn war, wurde seine Schule dann von der Polizei ausgehoben. Jemand hatte sie angegeben. Carmelo wußte, wer. Schon lange erwartete man von ihm, daß er sich beweise, eine Art Aufnahmeexamen. Es wurde ihm befohlen, den Verräter in eine bestimmte Haustür zu locken. Dort wurde es von zwei Erwachsenen erstochen.
von nun an hatte Carmelo ein gutes Leben.
Der Meister schickte ihn zur Hochsaison nach Taormina und Messina, wo er viele Ausländer kennenlernte, besonders Engländer und Deutsche, denen er das Geld nicht nur auf der Straße aus der Tasche zog. Was bequemer und einträglicher war.
Am Gewinn war er mit zwanzig Prozent beteiligt. Den Rest mußte er bei der Gilde abliefern, sonst wäre ihm die Arbeitsgenehmigung entzogen worden. Selbstständige Taschendiebe gibt es nicht. Wer allein arbeiten will, wandert ins Gefängnis oder wird erstochen. Viele Taschendiebe sind Zuhälter. Das ist ein Nebenberuf, der nicht so streng kontrolliert wird, und wo man wenig oder nichts abzugeben hat.
Ob Straßenmädchen mich interessieren, will er wissen. Und ohne meine Antwort abzuwarten, bittet er mich, weiterzufahren und in die zweite Querstraße einzubiegen.
Im Scheinwerferlicht tauchen Gestalten auf, die sich an die Wand drücken müssen oder in den Türen verschwinden, um den Wagen vorbeizulassen. Vor einem Haus muß ich halten. Carmelo steigt aus und klopft an die Tür. Nach kurzer Zeit erscheint ein Mann, mit dem er einige Minuten spricht, dann ruft er mir zu: „Kommen sie, ich muß Sie vorstellen. Es ist gut für Sie, wenn man Sie hier kennt.“
Ich reiche dem fremden Mann die Hand, höre aber kaum, was er mir sagt, denn mein Blick ist unwiderstehlich angezogen von diesem dunklen Zimmer, das hinter der offenen Tür atmet und lebt. Ich erkenne Menschen, viele Menschen. Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehe ich elf Gestalten, die sich unter Decken, Mänteln und Tüchern abzeichnen wie gebündelte Lumpen. Kleine und große, auf der Erde, kreuz und quer. Ein kleiner Platz ist frei, das muß das Bett des Hausherrn sein, der hier vor der Tür steht. Ein Säugling liegt neben der Mutter. Hinter deren Kopf zwei halbwüchsige Jungen und ein Mädchen. Zwischen zwei Stühlen ein Knabe mit einem Hund in den Armen. Ganz hinten, zwischen der Wand und einem Eimer, vier eng aneinandergeschmiegte Körper, die ich nicht erkennen kann. Auf einem winzigen Bett eine alte Frau.
Ich sehe mich plötzlich wieder in der Kirche von Palma di Montechiaro, wo wir den Priester um eine Unterredung gebeten hatten. – „Es gibt viel Unmoral“, hatte er auf meine Frage nach der unglaublichen Enge geantwortet, „aber in der Unmoral sind all diese Menschen moralisch, denn sie tun nichts, um die Empfängnis zu verhüten. Durch diesen Gehorsam vor Gottes Gesetz wird die unmoralische Tat aufgehoben.“
Ich glaubte meine Ohren nicht zu trauen und fragte ihn, ob er der Ansicht sei, daß Einzimmerwohnungen – mit verhungerten Familien überfüllt – eine gute Voraussetzung für christliche Erziehung und Ethik seien.
„Die Verantwortung für das Elend liegt bei der zivilen Verwaltung. Über die Ethik müssen wir wachen. Sie verlangt, daß der Akt der Zeugung ein neues Leben schafft.“
Ich schaue in diesen Stall von Menschen. Wenn diese Treibhausluft menschlicher Wärme im Halbschlaf Sinne erweckt, denken sie nicht mehr an Gott und seine Gesetze, sondern handeln ganz einfach wie die Tiere, wenn sie noch mehr Leben zwingen, in dieser Enge zur Welt zu kommen.
Wie hatte ein Kommunistenführer mir erklärt: „Die Kirche ist unser bester Verbündeter. Wenn die Zimmer platzen vor Kindern, dann platzt auch endliche diese Gesellschaft. Wenn es so viele leere Mägen gib, daß auch das Gras nicht mehr ausreicht, sie zu füllen, dann werden sie endlich kämpfen.“
Der Hausherr hat bemerkt, wie mein Blick im Zimmer umherirrt. „Das ist meine Familie“, erklärt er stolz, „zehn Kinder, sechs davon Knaben.“
Im Zimmer wird es lebendig. Die Greisin auf dem Bett stöhnt. Die Frau richtet sich auf und schreit: „Kann man denn gar nicht schlafen? Geh auf den Platz, wenn du unbedingt reden mußt!“ Der Säugling fängt an zu weinen; ein kleiner Junge antwortet ihm. Im Hintergrund richtet sich ein junges Mädchen auf und fragt verschlafen, was los ist. Unter den tief herunterfallenden Haaren sieht man ihre Brüste. Ein sechzehnjährige Junge stößt sie lachend zurück und wickelt sich eilig aus den Lumpen, um in der Tür zu erscheinen. Alles fragt, stöhnt, schreit und weint.
„Auf Wiedersehen“, sagt der Hausherr plötzlich. „Piacere, es war mir ein Vergnügen“, und schließt die Tür.
Ohne ein Wort zu sagen, setzen Carmelo und ich uns in den Wagen und fahren weiter. Auf einem kleinen Platz stoßen wir auf vier Frauen, die auf Schemeln um ein Feuer hocken, das in einer Waschschüssel brennt. Ein kleiner, vielleicht achtjähriger Junge serviert Kaffee und verschwindet lautlos um die Ecke. Sechs oder sieben Meter hinter den Frauen lungern Männer herum, deren Schatten übergroß auf den fleckigen schwitzenden Mauern der Häuser spielen, wo erbärmliche Wäsche aus dunklen Fenstern tropft. Vier Ratten zerren an einem Stück Fell, das unter einer Drehorgel hängt. In einer Tür steht eine hochschwangere Frau und wartet, in einer anderen ein Mädchen von fünfzehn Jahren.
„Vittoria“, ruft mein Begleiter, „Vittoria, ich bin’s, Carmelo.“ Eine der Frauen springt auf und stürzt ans Auto. „Mama mia, Carmelo, du bist’s.“ Sie ergreift seine Hand. „Ich habe den ganzen Tag gebetet. Siehst du, die Madonna hat mich erhört. Hier bist du wieder, heil und gesund. Danke Madonna, danke Santa Rosalia.“
Carmelo zieht seine Hand zurück. „Danke dem Ausländer“, sagt er kurz, „der hat mir geholfen.“
Vittoria schaut mich an, Sie zögert, schaut noch einmal. „den kenn ich“, meint sie, „der hat mich heute morgen fotografiert.“
Auch ich schaue genauer hin und erkenne in Vittoria die Witwe, die unbedingt mit ihren Kindern fotografiert werden wollte, als ich in ihrer Straße einige Aufnahmen machte. Sie hatte mir erzählt, daß sie seit dem Tod ihres Mannes gezwungen sein, ihr Geld mit Reinemachen zu verdienen, denn sie erhalte ja – wie alle Witwen der Armen – keine Rente.
„Schönes Mädchen, was?“ fragt Carmelo.
„Sie ist hübsch.“
„Also gut, geht los, ich warte hier. Die üblichen 500 Lire kommen natürlich nicht in Frage. Sie sind mein Gast.“
„Nicht jetzt“, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen.
„Na schön, wann Sie wollen. Ihr kennt euch ja schon. „Geh meine Hose holen, Vittoria“, befiehlt er. „Und laß ja das Geld stecken.“
Nach wenigen Minuten ist sie wieder da. Carmelo zählt sein Geld, 2 870 Lire (19 DM). „Stimmt“, murmelt er und zieht die Hose an.
Als er sich von mir verabschiedet, kommt eine schwarze gebrechliche Gestalt auf mich zu. Sie erhebt die Arme und nimmt Carmelos Gesicht zwischen ihre offenen Hände. „Mein Sohn“, flüstert sie, „mein Sohn, mein Sohn.“ Carmelo umarmt sie und führt sie wortlos davon.

Gott kann nicht schuldig sein

Vittoria setzt sich wieder ans Feuer. Die Männer starren immer noch regungslos auf die Frauen. Die Ratten sind mit dem Fell verschwunden. Auch die Hochschwangere ist nicht mehr da. Das junge Mädchen wartet immer noch in ihrer Ecke und zittert vor Kälte.
Ich kann, ich will nicht glauben, daß ich hier im Herzen von Palermo bin. Nur zweihundert Meter hinter dem großen majestätischen Dom. Am Tag hatten wir das Elend gesehen und jede Straße der Not ausgemessen, um sie gewissenhaft mit Tusche auf unserem Stadtplan einzutragen. Dieses „schwarze Palermo“, wie wir es nannten, bedeckt die Hälfte der Stadt. Wir wußten, wie die Menschen dort lebten, wir hatten ihre Gesichter gesehen, freundliche, oft lächelnde Gesichter mit traurig anklagenden Augen: die Gesichter des Tages.
Dieses abstoßende Gesicht der Nacht war jedoch mehr als eine Anklage. Es verurteilte. Uns, mich und Sie, die wir hier gemütlich in unseren Sesseln sitzen und über diese eigenartigen Menschen im sonnigen Süden den Kopf schütteln. Ja, uns, denn es gibt keine Niemandsland der Schuld.
„Gott kann nicht schuldig sein“, hatte mir ein Fischer in Siculiana stammelnd gesagt, „nur Menschen sind schuldig. Für unser Leben hier sind wir schuldig, weil wir unwissend sind – aber das ist nicht unsere Schuld. Wir sind auch schuldig, weil wir nicht kämpfen, um die Reichen zu verjagen, aber das können wir nicht, solange wir unwissend bleiben. Wieso sind wir schuldig, wenn Stärkere nicht wollen, daß wir wissend werden? Wir sind schuldig – aber sie haben Schuld an uns.“