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Die Autobiografie ist da!

Mit Sklaven unterwegs

Veröffentlicht in "Stern", Nummer 14, am 5. April 1964

Über eine Million Menschen leben heute noch als Sklaven. In Afrika, in Asien. Teils gezwungen, teils freiwillig. Wie sie leben, schildert dieser Bericht.

Ich habe sie gesehen und mit ihnen gesprochen: Sklaven – Männer und Frauen, die wie Haustiere einem anderen Menschen gehören. Kinder, die von ihrer Mutter getrennt werden, können wie kleine Hunde oder Katzen, weil sie als Sklaven zur Welt kommen, als Eigentum des Besitzers ihrer Eltern. Ich traf sie in Saudi-Arabien, im Jemen, in Afrika, in Persien. Wie die Menschen auf diesen Bildern werden sie öffentlich verkauft oder heimlich verfrachtet, zur Arbeit gezwungen oder zum Vergnügen.
Zwar gibt es nur noch wenige Länder der arabischen Halbinsel, in denen das Gesetz die Sklaverei erlaubt. Selbst Saudi-Arabien hat sie 1962 abgeschafft – offiziell, auf dem Papier. In Wirklichkeit blüht der Handel mit Menschen wie kaum zuvor. Und das Geschäft ist einträglicher geworden. Die Preise sind gestiegen. Öltantiemen und Wirtschaftshilfe haben die Kaufkraft der Liebhaber und Kunden erhöht. Die neuen höheren Preise haben den heimlichen Händlern das Risiko wieder schmackhaft gemacht. Ein Sklave, der vor zehn Jahren rund tausend Mark wert war, verkauft sich heute für das Fünf- bis Zehnfache, wenn man ihn gesund zur arabischen Halbinsel hinüberbringt.
Mit der Konjunktur ist aber auch die Vorsicht der Händler und ihrer Komplicen gestiegen. Es ist nicht leicht, ja sogar gefährlich, seine Nase in ihre Geschäfte zu stecken.
Vor wenigen Wochen noch wurden zwei französische Lehrer aus Algerien ausgewiesen. Sie hatten gegen den Sklavenhandel protestiert. In Tindouf, an der algerisch-marokkanischen Grenze, hatten sie gesehen, wie schwarze Sklaven gehalten, geraubt oder verkauft wurden. Sie hatten besonders auf den Fall der kleinen Auicha aufmerksam gemacht, die siebenjährige Tochter des Sklaven Muissa. Der Besitzer ihres Vaters hatte sie verkauft. Als die beiden Franzosen die lokalen Behörden aufforderten, diesen Handel zu unterbinden, wurden sie des Landes verwiesen. Die Komplicen der Händler sitzen in den höchsten Stellungen.
Englische Reisende wurden aus Marokko ausgewiesen, weil sie zu auffällig nach Beweisen des Sklavenhandels fahndeten.
Ein Amerikaner hatte es fertiggebracht, sich heimlich nach Mekka zu schleichen, der heiligen Stadt des Islam, deren Zugang jedem Christen untersagt ist. Er wollte den Markt fotografieren, auf dem schwarze Sklaven zum Kauf angeboten werden. Er wurde entdeckt und in Stücke gerissen.
Die Liste derer, die ermordet, eingesperrt oder ausgewiesen wurden, weil sie den Sklavenhändlern zu nah auf den Fersen waren, ist erschreckend groß.
Einige zahlen so den Preis für ihr humanitäres Bestreben, die Sklaverei aufzudecken und zu bekämpfen. Andere für ihre Neugier. Die meisten jedoch, weil sie Sensationen suchen, die sich auf unserem Unterhaltungsmarkt ebenso gut verkaufen wie das schwarze Fleisch auf den Sklavenmärkten Saudi-Arabiens. Die Sklaverei ist ein ausgezeichneter Vorwand, um in die schwülen Gemächer der Harems einzudringen und wild zu phantasieren: von Orgien, erotischen Spielchen, Eunuchen und geknebelten Jungfrauen. – Voller Entrüstung natürlich.
Mit ebensoviel Entrüstung wird darauf hingewiesen, daß diese Sklaven aus den neuen afrikanischen Staaten kommen, aus Ländern, die in den Vereinten Nationen sitzen, die UNO Charta über die Menschenrechte unterzeichnet haben, sich fortschrittlich nennen und doch das abscheulichste aller Verbrechen, den Handel mit Menschen, nicht eindämmen wollen oder können. Offiziell ist die Sklaverei dort seit langem verboten, aber immer noch wird „schwarzes Elfenbein“ aus Nigeria, Mali, Mauretanien, dem Kongo, Äthiopien und vielen anderen Staaten über den Sudan, Somalia oder Kenia zu den großen Absatzmärkten gebracht: nach Saudi-Arabien, dem Jemen und den Sultanaten der Südarabischen Föderation. Weniger schwarz ist die Ware, die aus dem Mittleren Orient kommt. Persien, der Irak, Afghanistan und Pakistan haben die Sklaverei in den zwanziger Jahren abgeschafft, den Raub und den Ankauf von Menschen haben sie jedoch bis heute nicht völlig unterbinden können. Heimlich werden Sklaven an die Küste des Persischen Golfs gebracht und von dort nach Saudi-Arabien, Oman oder Bahrein übergesetzt.
Ich habe eine solche Sklavenkarawane begleitet. Es war in Bender Abbas, am Persischen Golf. Früher war Bender Abbas einer der größten Handelsplätze des Mittleren Orients. Es gehörte den Portugiesen, ebenso wie die vorgelagerte Insel Hormuz, die man die „Perle der Welt“ nannte. Die Fenster der Häuser waren aus Alabaster, die Rahmen aus Gold, die Türen aus Silber, schwere Seide hing über allen Straßen, um Schatten zu spenden, und unterirdische Zisternen im Stil portugiesischer Kathedralen sorgten für Wasser. Heute ist Bender Abbas ein armseliger Hafen und Hormuz wenig mehr als ein Ruinenfeld. Von vergangenem Glanz zeugt nur noch der Schmuck der Frauen: portugiesische Goldmünzen, die sie unter den Trümmern der Burgen und Häuser ausgegraben haben.
Ich drehte dort einen Spielfilm und brauchte Statisten. Die Frauen, die ihr Gesicht nicht hinter Schleiern, sondern mit schwarzen Masken verstecken, waren mit wenig Geld leicht zu gewinnen. Schwieriger war es mit jungen Männern und ganz unmöglich mit Kindern. Richtig hysterisch wurde ein zwölfjähriger Junge, als ich seinen Vater um die Erlaubnis bat, einige Szenen mit seinem Sohn drehen zu dürfen.
Wir saßen am Strand. Der junge Ali spielte in unserer Nähe. Als wir einig waren, rief der Vater ihn zu uns und erklärte ihm, daß er mit mir gehen könnte. Ali blickte auf die Hand seines Vaters, in der das Geld noch lag, das ich ihm gegeben hatte. Ich glaube, ich habe noch nie so tiefes Entsetzen auf einem Kindergesicht gesehen. Schritt um Schritt wich der Junge zurück, immer die Augen auf das Geld gerichtet; dann drehte er sich plötzlich um und rannte davon.
„Ali, es ist doch nur für ein paar Stunden“, rief der Vater.
„Er will mich verkaufen“, schrie der Junge, „er will mich verkaufen“, und jagte den
Strand entlang.
Einige Fischer stellten sich ihm entgegen. Auch wir waren hinzugelaufen. Als er sich umzingelt sah, stürzte Ali sich ins Meer. Er weinte mit offenem Mund und schluckte so viel
Wasser, daß er bald erlahmte. Wir konnten ihn einholen, bevor er die tieferen Gewässer erreicht hatte, in denen die Haifische zu Hause sind. Sobald ich ihn anfaßte, schrie er wild auf und versuchte, sich wieder loszureißen.
„Gehen Sie schnell“, sagte der Vater. „Solange er Sie sieht, wird er sich nicht beruhigen.“
Später erfuhr ich, daß Ali Sklave gewesen war. Sein Vater hatte ihn verkauft. Aus Not. Er war ohne Arbeit. Die Familie hungerte. Die Frau war krank. Sie hatten schon einige Tage nichts gegessen, als ein Mann in ihre Hütte trat und tausend Toman (500 Mark) für Ali bot. Um die neunköpfige Familie zu retten, wurde das Angebot angenommen. Selbst Ali war einverstanden. Er war der Älteste unter den Kindern und fühlte sich verantwortlich.
Stolz verließ er das Haus, und es ging alles gut, bis er in Oman ankam. Dort wurde er in ein Zelt gesteckt, in dem bereits sieben gleichaltrige Knaben lebten, die ebenfalls aus Persien eingeführt worden waren. Nachts mußten sie den Wärtern Gesellschaft leisten und wurden so auf jene Aufgaben vorbereitet, die ihnen nach dem Verkauf zugedacht waren. Auch das nahm Ali auf sich. In seiner Heimat ist es nicht anders. Dort heiraten sogar Männer einander unter phantastischen und oft kostspieligen Zeremonien.
Als jedoch eines Tages zwei weitere Leidensgenossen gebracht wurden, jüngere, aus
Qatar, brach Panik im Zelt aus: Die beiden Knaben waren kastriert. Ali und seine Freunde wurden ausgepeitscht und in Ketten gelegt, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Aber die Angst, daß sie ebenso verstümmelt würden, ließ sie nicht mehr los, und Ali dachte nur noch an Flucht. Sie gelang. In Dubai schlich er sich auf ein Schiff, das den persischen Hafen Bender-e Lengeh anlief. Von dort wanderte er nach Hause, fast zweihundert Kilometer zu Fuß. Vor der Hütte seiner Eltern brach er zusammen. Seine Mutter war gestorben, aber Ali wurde gesund gepflegt mit dem Geld, für das sein Vater ihn verkauft hatte.
Jetzt wollte ich mehr über den Sklavenhandel erfahren. Man schickte mich in ein kleines Dorf etwa zwölf Kilometer nördlich von Bender Abbas. „Dort ist das Zentrum“, sagte man mir. „Aber seien Sie vorsichtig.“
Ich entdeckte zwanzig ärmliche Strohhütten. Jede war ein Bordell. Mädchen aus dem Mekran und Belutschistan standen hier den Matrosen und Lastkraftwagenfahrern zur Verfügung. Ein paar sehr hübsche, vielleicht vierzehn- oder fünfzehnjährige Mädchen wurden für anspruchsvolle Kunden in Reserve gehalten.
Es hatte sich herumgesprochen, daß ich in Bender Abbas eine Woche im Gefängnis gesessen hatte. Die lokalen Behörden wollten mich auf diese Art zwingen, das Gebiet zu verlassen, wo Ausländer ungern gesehene Zeugen sind, aber ein durchreisender General hatte einen Skandal befürchtet und mich freisetzen lassen.
Nach dem, was vorgefallen war, konnt ich unmöglich ein Polizeispitzel sein. Die „Madame“ und ihre Zubringer nahmen mich deshalb ohne viel Zögern auf, und ein wenig Geld ließ das letzte Mißtrauen verschwinden.
So erfuhr ich, daß ein Teil der Mädchen Sklavinnen waren. Eine „Madame“ hatte sie erworben, sie gehörten ihr wie Kamele oder Ziegen und konnten, wie jeder andere Besitz, wieder veräußert werden.
Diese Situation schien den Mädchen wenig auszumachen. Sie leben im übrigen genau wie die freien Prostituierten. Der einzige Unterschied besteht in der Bezahlung. Während die freien Frauen einen festen Prozentsatz der Einnahmen erhalten, bekommen die Sklavinnen nur geringes Taschengeld. Andererseits werden sie ernährt und gekleidet, während die Freien Essen und Kleidung selber bezahlen müssen. Im übrigen werden sie mehr geschont und nur an prominente Kunden vermietet – solange sie jung und hübsch sind.

Ich miete eine Sklavin

„Glauben Sie, ich würde meine Mädchen ruinieren?“ sagte mir eine „Madame“, die ihr Gesicht, wie es sich geziemt, hinter einem Schleier verbarg. „Die Matrosen sollen gefälligst mit denen vorliebnehmen, die sich selbst verkaufen. – Aber Sie dürfen natürlich wählen“, fügte sie mit Nachdruck hinzu und stellte mir vier junge Sklavinnen vor.
Ich wählte Fakhri, ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem persischen Belutschistan. Ihre Nase hatte mich fasziniert. Ein goldgefaßter Rubin schmückte ihren rechten Nasenflügel. Ich zahlte den Gegenwert von dreißig Mark für den ganzen Nachmittag, und wir gingen spazieren. Fakhri sollte mir von ihrem Leben erzählen. Sie tat es ohne Umschweife, mit einer Selbstverständlichkeit, die in einem reichen Land kalt und herzlos geklungen hätte. Aber hier handelte es sich nur um banal Alltägliches: um das Leben der persischen Bauern.
Fakhris Eltern lebten in einem Dorf im Südosten Persiens. Sie waren verschuldet, wie alle Bauern des Ortes. Niemand durfte das Land verlassen, ohne vorher seine Schuld bei dem Großgrundbesitzer beglichen zu haben. Aber dies war unmöglich. Sie bekamen niemals mehr als den Teil der Ernte, den ihnen der Besitzer ließ. Und der genügte nicht einmal zum Leben. Jedes Jahr mußten neue Schulden aufgenommen werden.
So waren sie alle Sklaven geworden. Nicht dem Namen nach. Praktisch jedoch gehörten sie dem Besitzer des Dorfes mit Haut und Haaren.

Offiziere werden kostenlos bedient.

Hin und wieder kamen Männer durchs Dorf, die Stoffe und billigen Schmuck anboten. Sie kauften die Teppiche, die die Frauen geknüpft hatten – und heimlich auch die Kinder.
Vor fünf Monaten hatten Fakhris Eltern sich entschlossen, ihre Schulden zu begleichen und das Dorf zu verlassen. Die sieben Teppiche, die Mutter und Töchter angefertigt hatten, reichten nicht aus. Es fehlten zwölfhundert Toman. Diese Summe boten die Händler für Fakhri. Die Eltern nahmen an. Sie erkauften ihre Freiheit mit der Versklavung ihrer Tochter.
Es ging mir nicht in den Kopf, wie man Sklave sein kann, in einem Land, in dem diese Art der Abhängigkeit verboten ist und sogar schwer bestraft wird.
„Du brauchst doch nur zum nächsten Polizeiposten zu gehen, um frei zu sein“, sagte ich.
„Die Polizei gehört zu unseren Kunden. Auch Offiziere kommen hierher und werden kostenlos bedient.“
„Und die wissen, daß du Slavin bist?“
„Natürlich.“
„Wenn ich dich nach Teheran mitnehme und dich dort der Polizei übergeben wirst du sicher frei sein. Bis dorthin werden die Schmiergelder der Händler nicht reichen.“
„Sicher nicht. Aber was soll ich tun? Ins ‚Reservierte Viertel’ gehen?“
„Du kannst arbeiten.“
„Da gibt es so viele Menschen ohne Arbeit.“
„Oder zu deinen Eltern zurückkehren.“
„Um zu verhungern? Die haben ja auch das Geld nicht mehr, um es den Händlern zurückzugeben.“
„Sie könnten sich weigern, sie sind im Recht.“
„Dann würde es uns allen sehr schlecht ergehen.
Ich befreundete mich mit den Händlern und erhielt die Erlaubnis – gegen Bezahlung -, sie auf einer Reise ins Innere zu begleiten. Filmkamera und Fotoapparate mußte ich zurücklassen. Mein Gepäck wurde nach Waffen durchsucht. Dann ging es los. Es war eine der langweiligsten Reisen, die ich je gemacht habe. Jedesmal, wenn wir uns einem Ort näherten, mußte ich mich verstecken.
„Warum?“ wollte ich wissen.
„Sie verderben die Preise“, erklärte mir der Anführer, ein kleiner, freundlich aussehender Mann mit entzündeten Augen. „Wenn unsere Vertrauensleute auf die Idee kommen, die Ware könnte für einen Ausländer sein, werden sie sofort das Doppelte verlangen.“
„Während einer Woche häuften sich zwar die Teppiche auf unseren Kamelen, aber Sklaven sah ich nur einen. Einen zehnjährigen Jungen, der von seinem Vater verkauft worden war. Ein aufgeweckter Bursche, der mir Gesellschaft leistete, wenn die Karawane mich in der Nähe der Dörfer zurückließ. Ich war sozusagen zum Sklavenhüter geworden, und der kleine Kerl wollte gar nicht begreifen, daß seine zärtlichen Annäherungsversuche mich kalt ließen.
Mittlerweile waren wir tief in den Mekran vorgedrungen, eine der wildesten Gegenden Persiens. Die Händler wurden nervös. Zwei von ihnen entpuppten sich als Musiker. Jeden Abend kramten sie eine Trommel und eine Fiedel unter den Teppichen hervor und spielten wehmütige Melodien, während die anderen mürrisch herunsaßen.
Am zehnten Tag kehrten wir um.
„Sie bringen uns Unglück“, meinte der Anführer. „Meistens kommen wir mit einem Dutzend Sklaven nah Hause. Aber diesmal will niemand verkaufen. Man könnte glauben, es gehe den Bauern zu gut. Gott sei Dank haben wir viele Teppiche gekauft, sonst wäre die Reise ein großer Reinfall – oder wir müßten zu radikalen Mitteln greifen.“
„Und das wäre …“
„Die Musik“, sagte er lächelnd und erklärte mir, weshalb er für den Notfall immer Instrumente mitführt.
Die Musiker ziehen durch die Straßen und locken die Kinder und Frauen aus den Hütten. Am Rande des Dorfes machen sie halt und spielen weiter, während die Händler ihre Stoffe, Armbänder und Ohrringe anbieten. Später erscheinen das plötzlich schwerbewaffnete Nomaden. Sie ergreifen ein paar Mädchen und Knaben und galoppieren dann wieder davon.
„Das ist natürlich mit dem Stamm abgesprochen und kostet Geld, aber es rentiert sich, denn mehr als die Eltern verlangen die Nomaden auch nicht für ein geraubtes Kind.
Auf meine Frage, wie er die Sklaven los wird, antwortet er: „In Persien beliefern wir nur Bordelle. Das haben Sie ja selbst gesehen. Es ist selten. Meistens geht die Ware mit dem Schiff nach drüben.“
Drüben, das ist Oman, Muskat, die Piratenküste, Saudi-Arabien, Qatar, die Sultanate der Südarabischen Föderation und der Jemen. Die gesamte arabische Halbinsel ist seit jeher das Paradies der Sklavenhändler gewesen. Hier ist eine Gesellschaft im Mittelalter stehengeblieben und lebt nach dessen Gesetzen. Der Sklave gehört zum Alltag wie bei uns die Zahnbürste und der Eisschrank. Kein Bewohner der arabischen Halbinsel wird es anstößig finden, daß ein Mensch der Besitzer eines anderen Menschen sein kann. Im Gegenteil. Was dem Europäer sein Auto und der glückliche Speck unterm selbstbewußten Kinn, sind ihm seine Sklaven und sein Harem: Abzeichen des sozialen Ranges. Ja, mehr noch: Der Sklave ist der lebende Beweis dafür, daß sein Herr zu einer edleren Rasse gehört. Dieser – in seiner mittelalterlichen Vorstellungswelt befangen – ist überzeugt, zu fein für gemeine Arbeit zu sein. Sein Betätigungsfeld ist der Krieg, die Jagd, die Macht. Mit der Arbeit sollen sich die anderen plagen – und da man zum Befehlen geboren ist, macht man sie abhängig: zu Sklaven.
Diese Überheblichkeit, der Kult des Herrenvolkes und der Wahn des Sendungsbewußtseins haben bei allen Verknechtungen und Massenmorden der Geschichte Pate gestanden. Während jedoch in Amerika zum Beispiel dieser Wahnwitz zur Ausrottung der Indianer führte und in Deutschland zur kaltblütigen Vernichtung der angeblich Minderwertigen, wurde in Arabien eine soziale Ordnung geschaffen, in der die Sklaven eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielen. Sie sind Landarbeiter, Hirten, Diener, Leibwächter, Sekretäre, Kindermädchen, Gärtner. Sie werden meistens sogar besser behandelt als bezahlte Arbeitskräfte. Es gibt darüber viele Berichte, und ich habe es selbst mit eigenen Augen gesehen.
Wir reisten im Süden Saudi-Arabiens von der jemenitischen Grenze nach Djissan, einem kleinen Hafen am Roten Meer. In Sukh al-Ahad machten wir in einem Teehaus halt. Unter freiem Himmel standen hohe Bänke, auf denen Männer hockten, Tee tranken und Wasserpfeifen rauchten. Diese Bänke werden nachts als Betten benutzt. Wir wollten hier übernachten und zwei Bänke mieten. Aber sie waren schon alle vergeben. Als wir in unserem gebrochenen Arabisch nach einer anderen Bleibe fragten, kam ein baumlanger Neger und wollte wissen, ob wir Italienisch sprächen.
„Ja.“
„Ich heiße Il Grandone“, sagte er und reichte uns die Hand. „Mein Herr bietet Ihnen zwei Betten an.“ Er zeigt in eine Ecke des Platzes, wo ein vornehm gekleideter Araber mehrere Bänke mit seinem Gefolge belegt hatte und uns heranwinkte. Wir setzten uns zu ihm. Im Laufe des Gesprächs fragte ich ihn, wer seine Begleiter seien.
„Meine Diener“, sagte er. „Mein Sekretär“, und zeigte auf Grandone.
„Ihre Sklaven wahrscheinlich!“
„Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich sie gekauft habe, ja – aber es ist ein häßliches
Wort. Fragen Sie doch selbst, ob mein Sekretär sich als Sklave fühlt.“
Und ich sprach mit Grandone, auf italienisch, in einer Sprache, die sein Herr nicht verstand.
Der große Neger stammte aus dem früher italienischen Eritrea. Obwohl er Mohammedaner war, hatte er bei italienischen Missionaren lesen und schreiben gelernt und dort den Namen Il Grandone (der Riese) erhalten. Auf einer Pilgerfahrt nach Mekka hatte er Schulden gemacht und war gezwungen worden, sich zu verkaufen.
Die unwiderstehliche Frage drängte sich auf: „Möchten Sie nicht lieber frei sein?“
„Ich habe einen guten Herrn“, wich er aus.
„Aber Grandone, kommen Sie, niemand versteht uns hier. Sie können mir alles sagen, was Sie auf dem Herzen haben. Es ist vielleicht das letzte Mal, daß Sie mit einem Europäer sprechen.“
„Ich kenne die Europäer“, sagte er ruhig, „ich habe bei ihnen gelernt und für sie gearbeitet. Sie können die Sklaverei nicht verstehen, weil sie die Araber nicht kennen und auch nicht wissen, was wirkliche Armut ist. – Sicher, bei Euch in Europa möchte auch ich frei sein – wie Sie. Aber bei mir in Afrika – oder gar hier. Nein. Da bin ich als Sklave besser aufgehoben. Wenn ich krank bin, ruft mein Herr einen Arzt. Ich bekomme regelmäßig zu essen und sogar etwas Geld. Wenn ich einen Fehler mache, schützt er mich vor der Polizei. Aber wer kümmert sich um einen Freien – um einen freien Armen? Der hat keinen Arzt, kein kostenloses Penicillin, nicht einmal satt zu essen. Was bedeutet da noch Freiheit? Überhaupt nichts. Wir Sklaven leben länger als die Armen – ja, viel länger.“
Zum ersten Male höre ich einen Sklaven die sogenannten Entwicklungsländer mit seinen Maßstäben messen – nicht die „Probleme“ aus westlicher Sicht, nein, den bitteren Alltag.
Bei uns will jeder „mehr“; hier heißt die Alternative „etwas“ oder „gar nichts“ – leben oder langsam verhungern. Und das gilt für zwei Drittel der Menschen zwischen Dakar und Kalkutta. Wenn dieses „Etwas" die Aufgabe der Freiheit bedeutet, wird damit kaum gezögert, denn die Freiheit ist ohnehin nur der Luxus der Reichen. Nur so kann man verstehen, weshalb dieser Mann seinem Schöpfer dankt, ein Sklave zu sein. Sklave bedeutet Besitz, und der wird überall auf der Welt geschützt und gut behandelt, während der freie Arme der Feind des armen Freien ist – ein Sklave ohne Status.

Besser Haremsmädchen als Arbeitstier

Dies ist, um Gottes willen, keine Rechtfertigung der Sklaverei. Sie ist und bleibt eines der scheußlichsten Verbrechen der Menschen gegen den Menschen. Es schien mir jedoch wichtig, die sozialen Hintergründe des heutigen Menschenhandels zu zeigen: Es ist Handel mit der Armut.
Ebenso wichtig scheint mir ein Hinweis auf den propagandistischen Mißbrauch der Sklaverei. Ich spreche von der Entrüstung, mit der von Sklavenhandel in Afrika und der arabischen Halbinsel geschrieben wird. Seit die neuen afrikanischen Staaten unabhängig geworden sind, häufen sich die Anklagen gegen sie.
Abgesehen davon, daß meistens die gleichen abgedroschenen Beispiele als persönliche Erlebnisse angeboten werden, zeichnen sich alle diese Berichte durch die gleiche Tendenz aus: Sie versuchen, den Eindruck zu vermitteln, daß es doch eigentlich verfrüht war, Völkern die Unabhängigkeit zu geben, die nicht einmal imstande sind, den Handel mit ihren eigenen Menschen zu unterbinden. Sie wollen damit die Vorstellung erwecken: Die jungen Staaten sind nicht reif genug, um unabhängig zu sein. Manchmal ist die Anklage direkt: „Herr Ben Bella, warum tun Sie nichts gegen den Sklavenhandel in der Sahara.“ – „Sekou Toure, Sie enttäuschen uns“, usw. …
Wenn dazu noch ein Harem gezeigt werden kann und eine nackte Negerin, ist diese aus Sehnsucht nach Macht geborene Propaganda leicht verkäuflich. Sie kommt an und kitzelt den zählebigen Überheblichkeitsfimmel, bis der schlichte Europäer sich sagt: „Diese Wilden, da müßte man doch mal wieder Ordnung schaffen.“
Ja, aber wie sah diese Ordnung aus? Unter den Kolonialmächten blühte der Sklavenhandel weit mehr als heute. Weder Engländer noch Franzosen noch Portugiesen haben ernsthaft versucht, ihn zu unterbinden. Aus politischen Gründen ließen sie die mächtigen Stammesfürsten und Sultane gewähren und fingen nur die kleinen Fische. Und jetzt sollen die neuen Staaten in wenigen Jahren abschaffen, was Europäer während Jahrhunderten mehr oder weniger offen unterstützten.
Wenn die weiße Arroganz eine reine Weste hätte, wäre die Entrüstung vielleicht am Platze. Aber schauen wir doch einmal hin. Bis vor hundertfünfzig Jahren waren die europäischen Nationen die größten Sklavenhändler aller Zeiten. Nachdem sie im neu entdeckten Amerika Millionen Indianer ausgerottet hatten - es waren ja nur Heiden –, fehlte es ihnen plötzlich an geeigneten Arbeitskräften. Da kam der Bischof Las Casas auf die Idee, daß die Neger doch eigentlich alle Voraussetzungen hätten, um in den tropischen Gegenden Amerikas arbeiten zu können. Gesagt, getan. Man stürzte sich auf Afrika und entriß diesem Kontinent seine besten Menschen. Im Laufe von dreihundert Jahren wurden schätzungsweise sechzig Millionen Neger aus ihrer Heimat verschleppt und in Amerika als Sklaven verkauft.
Die Händler waren nicht etwa Nationen wie Saudi-Arabien oder der Jemen, in denen der Sklave seit Jahrtausenden seinen Platz in der Gesellschaftsordnung hat. Nein. Es waren die „modernen“ Staaten, die seit achtzehnhundert Jahren die Lehre Christi kannten und im Munde führten – „Liebe deinen Nächsten“ – und das Geschäft mit Menschen in seinem Namen trieben.
Die Hauptwaffe im Propagandafeldzug gegen die jungen Nationen ist der Mädchenraub. Eine verschleppte Jungfrau rührt mehr als ein stämmiger Neger. Schlafzimmer und Bordell sind aufregendere Endstationen als Pferdestall oder Küche.
Dazu ist zu sagen, daß in den meisten der betroffenen Länder die Heirat durchweg ein Kaufgeschäft ist. Die Frau wird Eigentum des Mannes, ob sie in einem Harem verschwindet oder in einer Hütte. Vorzuziehen ist der Harem, denn in der Hütte muß sie auch noch schwer arbeiten.
Die Mädchen, die in den Bordellen enden, sind die Opfer weit verzweigter verbrecherischer Organisationen, die sich weiß Gott nicht auf Afrika oder die arabische Halbinsel beschränken. Es gibt sie auch in Europa. Jährlich verschwinden aus unseren Großstädten über zehntausend Mädchen, nicht weniger als aus dem afrikanischen Busch. Ihr Los ist sicher nicht besser als das ihrer schwarzen oder braunen Schwestern.
Trotzdem habe ich noch keine afrikanische Stimme gehört, die Europa anklagt, sich nicht regieren zu können.