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Die Autobiografie ist da!

Nächte ohne Pardon (Palästina)

Veröffentlicht in "Stern", Nummer 11, am 13. März 1969

Im Nahen Osten droht ein neues Vietnam. Nacht für Nacht dringen Kommandos der Untergrundorganisation El-Fatah in Israel und die besetzten Gebiete ein. Die Partisanen nennen sich Fedajin, „die Opferbereiten“. Ihre Verluste sind hoch. Dennoch bilden sie heute für Israel eine größere Gefahr als die regulären Armeen der arabischen Staaten.


In Amman, der Hauptstadt von Jordanien, setzen wir uns ins erstbeste Taxi und sagen: „Zur El-Fatah, bitte!“ Das klingt wie ein Scherz. El-Fatah ist die größte der fünf arabischen Untergrund-Organisationen, die Israel im Augenblick schwer zu schaffen machen. Und „Untergrund“ müsste logischerweise „Heimlichkeit“ bedeuten.
Aber unser Chauffeur nickt nur, und wenige Minuten später halten wir vor einem modernen Haus auf einem der Hügel von Amman. Vor der Tür stehen ein paar Männer mit Maschinenpistolen. Hinter großen Schreibtischen sitzen kompetent aussehende Herren in Zivil. Alles funktioniert wie in einem Informationsministerium. Wir müssen Formulare ausfüllen, Paßbilder abgeben und werden – nachdem wir Empfehlungsschreiben vorgelegt haben – offiziell akkreditiert.
Von jetzt an steht uns der Abhördienst der El-Fatah zur Verfügung, der die Sendungen der großen Radiostationen der Welt abhört. Wir dürfen auch die Ausbildungslager und Operationsbasen in Jordanien besuchen, die über Funk von unserem Kommen unterrichtet werden.
Noch nie haben wir eine so gut funktionierende Widerstandsbewegung gesehen. Wenn wir nicht wüßten, daß wir uns in der Hauptstadt des Königreiches Jordanien befinden, würden wir uns in einem El-Fatah-Staat dünken. Auf den Straßen patrouilliert die Militärpolizei dieser Organisation. In allen Städten und Dörfern des Landes unterhält sie Büros, Guerillatruppen und Kontrollstationen. Ihre Ausbildungslager sind übers ganze Land verstreut. Von der syrischen Grenze bis zum Golf von Akaba – wenige Kilometer von israelischem Gebiet entfernt — liegt eine Kette geheimer Operationsbasen, aus denen jede Nacht Kommandoangriffe gegen Israel vorgetragen werden.
Wo das eigentliche Hauptquartier der Bewegung liegt, wissen nur wenige Eingeweihte. Aus Sicherheitsgründen scheint es auf verschiedene Orte verteilt zu sein. Die in Amman anwesenden Führer der El-Fatah sind hingegen bereit, sich mit uns zu treffen. Sie brennen sogar darauf, denn sie wollen vor allem wissen, welche Erfahrungen wir bei Guerillakämpfern in anderen Teilen der Welt gesammelt haben. Da wir viele besucht haben, ziehen sich die nächtlichen Diskussionen jedesmal bis zum Morgengrauen hin.
Wir wissen nie genau, wen wir vor uns haben. Jeder, der in die El-Fatah eintritt, gibt seinen alten Namen auf und bekommt einen neuen. Niemand hat das Recht, über sich und seine Vergangenheit zu sprechen. Die typisch arabische Geheimniskrämerei drückt sich sogar in der Bezeichnung der Bewegung aus. El-Fatah muß rückwärts gelesen werden, um das Ziel ihrer Gründer zu verraten: Hataf = Harakat Tahrir Falastin, das heißt: Bewegung zur Befreiung Palästinas. Die Anfangsbuchstaben HTF stehen für „Tod“, und El-Fatah, von vorn gelesen, bedeutet „Eroberung“.
Nur der Sprecher der Organisation, Yasir Arafat, ist unter seinem wirklichen Namen bekannt, weil El-Fatah einen offiziellen Wortführer braucht. Sein „Deckname“ ist Abu Amar. Die Karriere dieses Mannes spiegelt das Schicksal vieler Fedajin wieder. So nennen sich die
Guerilleros. (Fedajin bedeutet: die zum Opfer bereit sind.)
Arafat wurde in Jerusalem in der Nähe der Klagemauer als Sohn eines wohlhabenden
Palästinensers geboren. Nachdem er als Junge am ersten israelisch-arabischen Krieg 1948 teilgenommen hat, muß er fliehen. In Kairo wird er Ingenieur. Aber das genügt ihm auf die
Dauer nicht. Er will seine Heimat zurückerobern. Zunächst mit der Feder an einer palästinensischen Zeitschrift in Kuwait. Dann mit der Waffe. In Kairo geht er auf die Militärakademie. Sein Spezialgebiet: Sabotage. Als der zweite israelisch-arabische Krieg im Jahre 1956 ausbricht, ist er Leutnant an der Sinai-Front.
Die Niederlage der ägyptischen Armee verstärkt Arafats Überzeugung, daß die Araber
Israel niemals mit konventionellen Armeen schlagen können. Er gründet El-Fatah und beginnt Guerilleros zu organisieren. Nach dem letzten israelisch-arabischen Krieg schleppen sie Maschinengewehre, Granaten, Karabiner und Granatwerfer von den Schlachtfeldern des Sinai in ihre geheimen Verstecke nach Jordanien.
Eine kleine Volksarmee entsteht. Die arabischen Massen begeistern sich für diese tollkühnen Kerle, die den Kampf gegen Israel ohne die Unterstützung der arabischen Regierung weiterführen, und viele junge Palästinenser wollen dabei sein. Zum erstenmal seit zwanzig Jahren ersteht dem vertriebenen Volkes der Palästinenser eine Bewegung, die in seinem Namen spricht und kämpft.
Anfang Februar ist Yasir Arafat zum Präsidenten des Dachverbandes verschiedener palästinensischer Widerstandsgruppen gewählt worden. Nur die marxistische „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) bleibt dem Zusammenschluß fern. Im Gegensatz zu den übrigen ausschließlich palästinensischen Organisationen, ist die „Front“ die Zweiggruppe einer panarabischen Bewegung. Für sie ist die Befreiung Palästinas kein Endziel, sondern nur eine Etappe auf dem Wege zur „arabischen Revolution“.
Die drei Überfälle auf Maschinen der israelischen Fluggesellschaft „El Al“ wurden von der „Volksfront“ organisiert. Sie will den Kampf gegen Israel überall führen, um die Massen in allen arabischen Staaten zu gewinnen. Die El-Fatah hingegen verurteilt ausdrücklich diese
Terrorakte. Sie erklärt, daß sie den Aktionsbereich gegen Israel ausschließlich auf
palästinensisches Gebiet beschränken will.
Um das zu sehen, sind Claude Deffarge und ich nach Jordanien gekommen. Wir wollen ein El-Fatah-Kommando im Einsatz in Israel begleiten – als Guerillakorrespondenten.
Von Tag zu Tag werden wir vertröstet – und dann heißt es plötzlich: „Die Israelis haben ein Grenzdorf mit Phosphorbomben belegt. Wollt ihr es sehen?“
„Natürlich – aber wir wollen mehr.“
„Alles zu seiner Zeit.“
Wir machen uns auf den Weg. Eigenartig erscheint uns, daß Achmed, einer der leitenden
Männer der El-Fatah, uns persönlich begleitet. Auch kommt uns die Pistole nicht ganz geheuer vor, die er sorgfältig reinigt. Eine russische Tokarew chinesischer Fabrikation.
Von Amman aus geht es nach Nordosten in Richtung Irbid – an den römischen Ruinen von Dschersach vorbei, in deren Schatten ein riesiges Flüchtlingslager vom Elend des palästinensischen Volkes zeugt. Zwanzigtausend Vertriebene hausen unter schneebedeckten
Zelten.
„Verstehen Sie jetzt, warum diese Menschen für ihre Heimat kämpfen wollen?“ fragt
Achmed. „Die leben seit zwanzig Jahren im Dreck. Ohne Zukunft. Unsere Fedajin kommen aus diesen Lagern.“
Wir passieren die Kontrollpunkte der jordanischen Armee ohne Schwierigkeiten. Es genügt „El-Fatah“ zu flüstern. Wahrlich ein magisches Wort in diesem Land.
Irbid lebt wie im tiefsten Frieden. Geschäfte baden im Neonlicht. Esel, Karren und Autos bahnen sich lärmend ihren Weg durch den dichten Verkehr. Daß die israelischen Truppen nur
25 Kilometer entfernt liegen, scheint niemanden zu stören.
Einige Kilometer weiter machen wir in einem geheimen Hauptquartier der El-Fatah halt.
Ein altes Bauernhaus vor einer Felswand. Im Vorzimmer liegen etwa zwanzig Fedajin in Decken gewickelt und schlafen. Telefone klingeln. Funkgeräte ticken. Alles läuft wie am Schnürchen. Der kommandierende Leutnant, ein junger Marlon-Brando-Typ, wurde auf der Polizeiakademie in Kairo ausgebildet.
In den Ecken häuft sich die Beute der Kommandos: Patronen, Granaten und Pistolen
„made in Israel“. Ein taubstummer Fedajin bringt uns türkischen Kaffee, und dann heißt es:
„Heute nacht dringen wir in israelisches Gebiet ein. Wollt ihr mitkommen?“
Da sitzen wir nun in einfacher Straßenkleidung, nicht ausgerüstet und ohne die hochempfindlichen Filme für Nachtaufnahmen. Und das nur, weil wir aus „Sicherheitsgründen“ nicht hatten informiert werden dürfen. Wir sagen trotzdem „ja“, und man schreibt gewissenhaft auf, wer zu verständigen ist, falls wir nicht zurückkommen. Pässe, Geld und Papiere werden in Verwahrung genommen.
Dann geht es los. Zunächst im Landrover, mit gelöschten Scheinwerfern. Sieben Fedajin und Achmed begleiten uns. In Sichtnähe der Grenze gehen wir zu Fuß weiter. Vor uns, in den Bergen Galiläas, funkeln die Lichter der befestigten Kibbuzim. Zum Greifen nah, in der mondhellen Nacht.
Über israelischem Gebiet wird es plötzlich taghell. Leuchtgranaten sinken langsam zur
Erde. Maschinengewehre knattern. Granaten explodieren. „Eine kleine Begegnung zwischen
unseren Kommandos und den Israelis“, kommentiert der Leutnant.
Während wir zum Jordan hinunterschleichen, geht es auch zur Linken los. Selbst weit im
Innern Israels wird geschossen. Vor dem phantastischen Hintergrund der galiläischen Berge bietet sich der nächtliche Kampf der Fedajin gegen die Israelis wie auf Breitwand dar.
Jetzt waten wir selbst durch den Fluß. Hier am Oberlauf ist der Jordan seicht. Auf dem anderen Ufer gehen vier Männer mit Minensuchgeräten voraus. Zehn Minuten später fallen auch bei uns die ersten Schüsse. Wir werfen uns zu Boden. Nichts rührt sich mehr. Auch die vorausgeschickten Fedajin kommen nicht zurück. Leise schleicht jetzt auch Achmed mit zwei
Männern davon. Als einziger Beschützer bleibt ausgerechnet der Taubstumme, der uns im
Hauptquartier den Kaffee serviert hat.
„Albert, ha-arawim“ (Albert, die Araber), schallt es plötzlich auf hebräisch durch die
Nacht. Albert, Albert, ha-arawim . . . “
Als Antwort explodiert eine Granate. Die Fedajin antworten mit Maschinenpistolen. Unsere Patrouille ist in eine Falle gegangen. Der Leutnant liegt im Mittelpunkt eines Dreiecks, das von einem Betonbunker und zwei von Sandsäcken geschützten Unterständen gebildet wird. Seine Lage scheint aussichtslos zu sein. Aber plötzlich dröhnt es, daß selbst unser taubstummer Beschützer aufhorcht. Die Granate einer RPG-7, einer russischen Panzerfaust, explodiert zwischen den Sandsäcken des zur Rechten gelegenen Postens.
„Albert, Albert“, hallt es wieder durch die Nacht. Sekundenlang herrscht Totenstille. Ein israelischer Soldat hat seinen Kameraden verloren.
Bevor er selbst wieder zur Waffe greift, kann der palästinensische Leutnant sich am zerstörten Unterstand vorbei in Sicherheit bringen. Vier seiner Männer decken seinen fluchtartigen Rückzug.
„Das war kein großer Erfolg“, sage ich, als wir wieder geborgen in unserem Wagen sitzen.
„Das war nur ein Ablenkungsmanöver“, erklärt Achmed, „damit andere Kommandos durchkommen. Schauen Sie doch.“
In der Tat, etwa zwanzig Kilometer innerhalb Israels brennt es lichterloh.
A1s wir ins Hauptquartier zurückgekehrt sind, steht für unsere leeren und immer noch verkrampften Mägen ein dampfendes Schischkebab bereit.
„Wenn wir Israel angreifen, so geschieht es aus Notwehr“, versucht der Leutnant uns zu erklären. „Nur so können wir der Welt in Erinnerung bringen, daß ein ganzes Volk schuldlos vertrieben worden ist. Da niemand uns eine Stimme zugesteht, können wir uns nur mit den Waffen Gehör verschaffen.“
„Und die Juden ins Meer jagen“, sage ich.
„Niemals“, sagt Achmed mit Nachdruck. „Das sind unsere Brüder. Wir sind alle Semiten und müssen zusammenleben. Aber vorher muß der Zionismus zerschlagen werden. Er ist verantwortlich – nicht die Juden. Um den Judenmord in Deutschland zu beenden, brauchte man auch nicht die Deutschen ins Meer zu treiben. Es genügte, Hitlers Regime zu stürzen. Wir wollen niemanden umbringen. Wir werden beweisen, daß zwanzig Jahre Exil und Elend uns nicht zu Unmenschen gemacht haben.“
„Die Herren Schukeiri und Nasser sprachen noch unlängst eine völlig andere Sprache“, werfe ich ein.
„Wir sind El-Fatah“, sagt er stolz. „Wir haben nie anders gesprochen. Viele unserer
Märtyrer hatten jüdisches Blut. Juden schicken uns Geld. Juden wollen mit uns kämpfen, und wir nehmen sie an.“
Ich bastele an einer chinesischen Maschinenpistole herum. Neben mir steht ein russischer Granatwerfer.
„Ihr scheint mächtige Freunde zu haben“, sage ich.
„Wir bekommen unsere Waffen weder von Rußland noch von China“, erklärt Achmed. „Wir kaufen sie mit unserem Geld. Alle Palästinenser helfen uns. Die Reichen in Kuwait und Saudi-Arabien und die Armen in ihren Lagern. Unsere Revolution ist völlig unabhängig.“
Tatsächlich haben die Kommunisten gegen die palästinensischen Widerstandsbewegungen Stellung bezogen. Auch die Vermittlung der Großmächte wird von El- Fatah zurückgewiesen, da sie die Existenz Israels niemals in Frage stellen. Die Großmächte schlagen nur die angemessene Entschädigung der Flüchtlinge vor oder bestenfalls die Schaffung eines palästinensischen Zwergstaates im heute von Israel besetzten Cisjordanien. Die Widerstandsbewegungen verlangen hingegen die bedingungslose Rückkehr aller Flüchtlinge
nach Palästina.
Selbst die arabischen Regierungen möchten die palästinensischen Kommandos am liebsten zerschlagen. Denn sie stehen allen im Wege, die einen Ausgleich mit Israel anstreben – und den brauchen heute alle arabischen Regime, wenn sie überleben wollen.
Yasir Arafat ist zwar in Kairo von Nasser empfangen worden, aber noch vor wenigen
Monaten war auf ihn ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. In Ägypten, Jordanien und Syrien wurden seine Kampfgenossen grausam verfolgt. Heute ist das kaum noch möglich. Die Fedajin sind zum Symbol der „arabischen Auferstehung“ geworden. Nach drei beschämenden Niederlagen der arabischen Staaten gegen Israel retten die Heimatlosen die Ehre der arabischen Massen. Wer sich an ihnen vergreift, muß mit einem Aufstand rechnen.
Trotzdem bereitet sich El-Fatah auf die Gefahr vor, die ihr von seiten der arabischen Regierungen droht. „Unsere Gewehre sind heute gegen Israel gerichtet“, erklärt Yasir Arafat. „Wenn jedoch jemand versuchen sollte, uns rücklings zu überfallen, der wird seinen Verrat teuer bezahlen müssen. Wir werden uns nicht wie Hasen abknallen lassen. Wir haben nichts zu verlieren, außer den Zelten, in denen wir seit zwanzig Jahren leben müssen.“
Wie die Guerilleros der El-Fatah ausgebildet werden, zeigt man uns in mehreren Lagern
im Inneren des Landes. Bei allen Übungen wird scharf geschossen. Wir sehen, wie einem jungen Mann ein Finger abgeschossen wird. Einem anderen schlitzt ein Granatsplitter die Wange auf. Sie werden verbunden – und machen weiter; etwas blaß zwar, aber trotzig und verbissen.
Die Lager befinden sich in schwer zugänglichen Bergen oder in Wäldern versteckt, von
Flak geschützt. Die Zahl der einsatzbereiten Fedajin wird auf siebentausend geschätzt. Weitere zehntausend dürften im Augenblick ausgebildet werden.
In einer Operationsbasis in der Nähe des Toten Meeres finden wir einen Leutnant, dessen
Mutter Jüdin ist. Er bereitet sieben schwere Raketen vor, die auf israelische Militäranlagen geschossen werden sollen – von drüben, denn von jordanischem Boden aus darf nicht gefeuert werden. Das gehört zum „Gentlemen’s Agreement“ zwischen jordanischer Regierung und palästinensischem Untergrund.
„Glauben Sie nicht, daß diese Terrorakte euch die letzten Sympathien der Weltmeinung kosten werden?“ frage ich den Leutnant.
„Die Welt hat ein schlechtes Gedächtnis“, meint er. „Sie scheint vergessen zu haben, daß
Israel nur durch Terror geboren wurde. Irgun, Stern, die jüdischen Terrororganisationen, sagt das nichts mehr? Die kümmerten sich nicht um die Weltmeinung und noch weniger um
Menschenleben. Wir lassen die Zivilbevölkerung so lange in Ruhe, wie die Israelis sich nicht an der unserigen vergehen. Auge um Auge, Zahn um Zahn – so lehrte es mich meine jüdische
Mutter.“